Blinde Abwehr und linke Misogynie
Am 4.3. haben wir Cordula Trunk eingeladen, um in der Woche vorm 8. März über die Instrumentalisierung von sexualisierter Gewalt und selektive bzw. instrumentelle Solidarität in diesem Kontext zu sprechen. Unter dem Titel „Is palestine a feminist issue? Zur Verschränkung von (Queer)-Feminismus und Antisemitismus“ wurde die sexuelle Gewalt der Hamas am 7.Oktober während des Nova-Festivals thematisiert sowie die Reaktionen feministischer Organisationen, die teils das Geschehene als emanzipatorischen Widerstand relativierten und umdeuteten. Der Vortrag wurde bereits nach wenigen Minuten von „propalästinensischen“ Aktivist:innen unterbrochen, die die inhaltliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Antifeminismus offenbar als Angriff auf sich selbst verstanden und verhindern wollten. Statt den Vortrag anzuhören und danach zu diskutieren, brüllten sie die Referentin nieder. In dieser Weise Frauen nur zu Wort kommen zu lassen und zuzuhören, wenn sie die gleiche Meinung wie man selbst vertreten und einen bestätigen, drückt sich die internalisierte Misogynie vieler Linker aus. Andere weder über- noch unter zu ordnen, weder zu heroisieren noch zu dämonisieren, steht im krassen Gegensatz dazu, wie wir Beziehungen in einer patriarchalen Welt zu führen gelernt haben – und trotzdem erwarten wir genau solchen respektvollen Umgang miteinander als bare minimum.
Der Vortrag musste noch mehrmals unterbrochen werden und es kam zum Teil zu körperlichen Auseinandersetzungen an der Tür, als die Aktivist:innen nach draußen geschoben wurden, nachdem sie das ausgesprochene Hausverbot nicht beachteten, um zu gewährleisten, dass der Vortrag weiter gehalten und gehört werden konnte. Mehrere Gäste haben sich danach nicht alleine auf den Heimweg getraut. Einige Menschen, die uns in der Situation unterstützten, wurden von den Aktivist:innen bewusst gemissgendert. Derartige Einschüchterung gegenüber Gästen und Referentin einer linken Veranstaltung ist man eigentlich eher aus Anti-Antifa-Kontexten gewohnt. Es stellt sich die Frage, welche Wirkung außer dem Lustgewinn dabei, anderen Angst machen zu können, sich die Störer:innen erhofft haben, als sie den Anwesenden dabei „Free palestine“ entgegen schrien. Palästina wird nur befreit, wenn wir „Nebenwidersprüche“ wie feministische Forderungen nicht mehr oder nur noch einseitig zulassen? Das Leid von Opfern sexualisierter Gewalt auf allen Seiten anzuerkennen, also Gleichzeitigkeiten auszuhalten und anzuerkennen, wäre der erste Schritt in einer ernstgemeinten Auseinandersetzung mit dem Krieg. Dem steht das antisemitische schwarz-weiße Weltbild, in dem nur noch Freund- und Feindmarkierung möglich sind und keinerlei Zwischentöne mehr zugelassen werden, entgegen. Deswegen konnten sich die Aktivist:innen wohl auch nicht auf eine tatsächliche Debatte jenseits von Parolen und Bedrohung einlassen – Kritik an der eigenen Position auch nur anzuhören und also Zweifel möglich zu machen, stellt innerhalb eines solchen Weltbilds die ganze Identität des Subjekts in Frage. Hier geht es nicht darum, das bessere Argument zu haben oder überzeugen zu wollen, sondern nur noch um die Markierung von Zugehörigkeit und Abgrenzung zu anderen, um die eigene Identität zu bestärken.
Hätten die Aktivist:innen sich den Vortrag tatsächlich angehört, hätten sie feststellen können, dass die Forderung nach Selbstbestimmung für alle, auch Israelis, auch Jüdinnen:Juden, nicht bedeutet, dass das Leid in Gaza negiert wird. Vielmehr wurde ihre Feststellung „women’s rights include Palestinians“ bestätigt: die Referentin fordert ja gerade einen solchen für alle geltenden universellen Feminismus. Auf den gefallenen Vorwurf der Islamophobie können wir antworten: nein, es ist vielmehr menschenverachtend und gefährlich, die Misogynie und Queerfeindlichkeit sowie die Männlichkeitsbilder in islamistischen Organisationen wie der Hamas nicht zu benennen und ihren Opfern den Glauben zu entziehen. Vergewaltigungen als Widerstand zu bezeichnen, heißt, sie zu relativieren und die Betroffenen noch ein weiteres Mal zu demütigen, statt gemeinsam jede Form sexualisierter Gewalt zu bekämpfen. Solche selektive Solidarisierung zeigt außerdem, dass es den sie Aussprechenden nicht um ein besseres Leben für die Menschen in Gaza geht (denn dann würden sie auch die Verbrechen der Hamas kritisieren), sondern lediglich darum, ihren antisemitischen Hass ausleben zu können.
Wir haben die Situation beim Vortrag und das Gewaltpotenzial unterschätzt und waren entsprechend unvorbereitet. Das tut uns leid. Desto mehr wollen wir uns bei den Menschen bedanken, die uns am Mittwoch unterstützt haben und ihre Solidarität zum Ausdruck gebracht haben, Cordula für ihren Vortrag sowie dem Tkeller für die Bereitschaft, weiterhin Zwischentöne jenseits von totalitären Deutungen zu zu lassen.